Irgendwann merkte ich, dass ich nicht länger warten konnte, also hörte ich auf.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits eingebracht – ich packte Lunchpakete, saß bei Schulaufführungen dabei und wusste genau, wie jedes einzelne Kind seine Eier morgens am liebsten aß. Ich blieb auch bei Fieber und Albträumen wach.
Ich habe alle Einverständniserklärungen unterschrieben und an allen Elternabenden teilgenommen.
Sie kamen zu mir mit ihrem ersten Liebeskummer, ihrem ersten Job, ihren ersten wirklichen Schritten ins Erwachsenenalter.
Irgendwann auf diesem Weg, ohne dass es einen klar erkennbaren Zeitpunkt gäbe, hörten sie auf, „die Töchter meines Bruders“ zu sein.
Sie gehörten mir.
Doch letzte Woche änderte sich alles.
Am späten Nachmittag klopfte es an der Tür.
Ich hätte beinahe nicht geantwortet, da wir niemanden erwartet hatten.
Als ich es öffnete, erstarrte ich. Ich erkannte ihn sofort.
Es war Edwin.
Er sah älter und dünner aus, sein Gesicht war gezeichneter als ich es in Erinnerung hatte, als hätte das Leben ihn im Laufe der Zeit gezeichnet.
Aber er war es.
Die Mädchen standen hinter mir in der Küche und stritten sich über eine Kleinigkeit. Sie erkannten ihn nicht. Sie reagierten nicht.
Edwin sah mich an, als wäre er sich nicht sicher, ob ich die Tür zuschlagen oder anfangen würde zu schreien.
Ich tat keines von beidem. Ich stand einfach nur da, wie gelähmt.