Den ganzen Vormittag ging mir dieses Kabel nicht aus dem Kopf. Nicht wegen des Stroms an sich, sondern wegen des Gefühls. Dieses leichte Unbehagen, wenn jemand ohne zu fragen etwas nutzt, das einem selbst gehört. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gedankenlosigkeit. Und genau das machte es so schwierig einzuordnen. Denn Gedankenlosigkeit ist oft schwerer anzusprechen als echte Absicht.
Am Nachmittag fasste ich mir ein Herz und ging zu meinem Nachbarn. Ich wollte ruhig bleiben, sachlich, freundlich. Kein Vorwurf, kein Drama. Ich sagte sinngemäß, dass mir aufgefallen sei, dass seine Garage an meine Steckdose angeschlossen sei und dass diese über meinen Stromzähler läuft. Mehr nicht. Kein Tonfall, kein erhobener Zeigefinger. Einfach eine Information.
Seine Reaktion überraschte mich. Er lachte kurz und meinte, es sei doch „nur ein bisschen Strom“. Als wäre das Thema damit erledigt. Und genau in diesem Moment merkte ich, wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann. Für ihn war es eine Kleinigkeit. Für mich war es etwas, das sich nicht richtig anfühlte. Nicht wegen der Kosten, sondern wegen des Prinzips. Wegen des Nicht-Fragens.
Ich spürte, dass ich an dieser Stelle hätte diskutieren können. Hätte erklären können, warum es mir wichtig ist. Hätte argumentieren können. Aber ich merkte auch, dass das vermutlich zu einem unnötigen Streit geführt hätte. Also entschied ich mich für einen anderen Weg. Einen stilleren, ruhigeren.